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un film de Laurent Boutonnat
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Giorgino - ein Filmfluß/-strom, der nicht all seine
Versprechungen hält

Gleichzeitig Mentor und Pygmalion von Mylène Farmer, für die er alle Lieder und alle Clips geschrieben hat, schien es nur natürlich, daß Laurent Boutonnat eines Tages dazu gelangt, sein besonderes Talent aufs Kino zu übertragen. In diesem Sinne entspricht Giorgino dem, was man erwarten konnte. Man findet hier in der Tat einen Großteil der schwarzen und romantischen Elemente wieder, die sein Universum ausmachen: die weiten schneebedeckten Flächen, den umherstreifenden Tod, die unterschwellige Gewalt und diese Art von dramatischer Melancholie, die der Welt die Farbe von Verhängnis gibt. Man findet hier natürlich auch Mylène Farmer, auch wenn diese - und das ist eine der großen Überraschungen des Films - nur die zweite Rolle spielt. Wie es der Titel bereits andeutet, nennt sich die Hauptperson des Films Giorgino (gespielt von Jeff Dahlgren in seiner ersten Kinorolle): ein junger Arzt, der, nachdem er in Verdun gekämpft hat, verzweifelt versucht, die behinderten Kinder wiederzufinden, um die er sich vor dem Krieg gekümmert hat. Seine Suche führt ihn bis zu einem alten Landhaus, bewohnt von einem mysteriösen und scheuen jungen Mädchen, von der die ganze Welt annimmt, daß es die Kinder getötet habe.

Getrieben von einer Kraft der Überzeugung, die förmlich aus dem Bildschirm strömt, weckt dieser dreistündige, unter größter Geheimhaltung produzierte Filmfluß/Bilderstrom einen großen Appetit, leider ohne daß es ihm immer gelingt, ihn vollständig zu stillen. Nachdem er uns eine wunderbare erste Stunde dargeboten hat, geht ihm nach und nach ein wenig die Puste aus bis zum Punkt des Verwehtwerdens am Ende. Als wahres cineastisches Ein-Mann-Orchester (er ist gleichzeitig Drehbuchautor, Regisseur, Produzent, Kameramann und Komponist des Films) ist Laurent Boutonnat zweifellos merkwürdigerweise Opfer der Vielfalt seiner Talente geworden. Solcherart alle kreativen Ansprüche meisternd, hat er sich von dem unverzichtbaren Abstand getrennt, der es ihm erlaubt hätte, seinen Sinn für die Perspektive zu bewahren. Nun, aber genau daran mangelt es Giorgino furchtbar. Wenn es ihm auch brillant gelingt, eine Atmosphäre zu schaffen und sein Rhythmusempfinden durchzusetzen, so sündigt der Cineast zu häufig durch den Mangel an Einsicht bzw. Unterscheidungsvermögen. Die Handlung verliert Stück für Stück von ihrer Intensität und zu aufdringliche Nebenfiguren verwirren die Reinheit der Gesprächsthemen. Man hätte sich gewünscht, daß er sich grundsätzlich mehr auf die einzelnen Zusammenhänge/Erzählstränge konzentriert, die seine beiden Helden verbinden, und daß er der Figur von Catherine mehr Platz einräumt, mit der sich zu beschäftigen man kaum Zeit hat. Laurent Boutonnat beweist hier sein offensichtliches Talent, aber es fehlt ihm an der Klarsicht, um mit seinem Film wirklich Erfolg zu haben. Giorgino ähnelt jenen Kindern, die von ihren zu besitzergreifenden Eltern geschwächt und aus diesem Grund daran gehindert werden, all ihre Qualitäten auszudrücken.

Studio Magazine Filmkritik zu Giorgino Datum: November 1994
Berichte & Interviews