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un film de Laurent Boutonnat
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Fünf Monate Dreharbeiten im Geheimen für eine Geschichte romantischer Liebe, die eines der Ereignisse 1994 sein wird. Mit «Giorgino», realisiert von ihrem ständigen Partner Laurent Boutonnat, verwirklicht Mylène Farmer ihren Traum: Schauspielerin zu werden.

Man kannte sie nicht. Ihn noch weniger. Man wußte jedoch, daß sie die Texte zu ihren Liedern schrieb und er die Musik komponierte und ihre Platten produzierte. Man wußte ebenfalls, daß er ihre Videoclips, die für sich bereits Kino waren, filmisch umsetzte – quer durch ihr eigenartiges ästhetisches Universum, ihren Sinn für Raum und Rahmen, Gesichter und Atmosphäre. Man hat vor einiger Zeit erfahren, daß Mylène Farmer ihre ersten Schritte als Schauspielerin in einem von Laurent Boutonnat geschriebenen, produzierten und in Szene gesetzten Film macht: Fünf Monate Dreharbeiten in Osteuropa, in Kälte und Schnee und in größter Abgeschiedenheit. Schon dadurch war alles notwendigerweise sehr aufregend. Aber erst als wir sie beide persönlich trafen, schlug unsere Aufregung schlagartig in Begeisterung um. Es war zugleich ein Finden und Wiederfinden. Wie könnte man auch zwei so faszinierenden Wesen widerstehen, die derartig von dem Verlangen nach Kino verzehrt werden. Mehr als fünf Jahre träumten sie von «Giorgino». Die Geschichte romantischer Liebe mitten im 1. Weltkrieg, von einem jungen Mädchen, still und einsam, und eines in seinen Heimatort zurückgekehrten jungen Mannes, der die Waisen sucht, um die er sich früher gekümmert hatte und die nun verschwunden sind. Wenn wir eine Wette darauf abschließen sollten, daß «Giorgino» eines der Ereignisse des Kinojahres 1994 sein wird, dann aufgrund dessen, was man im Gespräch mit ihr spürte und beim Betrachten der Szenen-Photos aus dem Film vorfühlte, und durch die Unterstützung, die Mylène Farmer uns zuteil werden ließ, den Schleier von ihren Ansprüchen und Zielen lüftend...

Studio Magazine: Es heißt, Sie wollten ursprünglich Schauspielerin werden und daß die Musik, das Singen quasi durch Zufall kamen. Erinnern Sie sich, wann dieser Wunsch, Schauspielerin zu sein, geboren wurde?

Mylène Farmer: Mit circa sechzehn Jahren, als ich mich entschieden hatte, daß der Reitsport (ich ritt damals viel) kein Beruf für mich ist. Ich wandte mich dann dem Theater zu. Ich hatte daran vielleicht schon früher einmal gedacht, aber diesen Gedanken vorher nicht klar ausgedrückt/formuliert. Wenngleich es sicher ist, daß dieses Verlangen bereits seit geraumer Zeit in mir bestand, aus der (Vorher-)Bestimmung herauszutreten, etwas zu tun, was die anderen nicht machen...

Haben Sie als Kind mit dem Erfinden von Rollen/Personen gespielt?

Ich habe nur sehr wenige Erinnerungen an meine Kindheit. Ich versuche nicht, mir eine Persönlichkeit zu erzeugen, ein Geheimnis, es ist einfach so, daß ich kaum Erinnerungen habe, daß ich nicht weiß, wie ich war.

Haben Sie sich selbst darüber befragt?

Nicht wirklich. Ich weiß einfach, daß ich keine unglückliche Kindheit hatte, und daß es kein besonderes Ereignis gab, das dafür sorgte, daß ich mit einem Mal vollkommen blockiert war, und das es nun nötig hätte, ausgelöscht zu werden... Möglicherweise ist es bloß ein totales Desinteresse für mich als Kind...

Was erzeugte bei Ihnen das Verlangen, Schauspielerin (am Theater) zu sein, nachdem Sie das Reiten aufgaben? Filme? Schauspieler & -innen?

Ich weiß nicht, es ist recht verworren. Ohne von Berufung sprechen zu wollen: ich hatte das Gefühl, daß es etwas Selbstverständliches für mich darstellte – obwohl das nicht heißen soll, daß die Umsetzung in die Tat ebenso selbstverständlich war! (lacht) Ich wußte einfach, daß es das ist, was ich tun sollte, ich habe mich nicht gefragt, warum. Vielleicht war es das Verlangen, mich hinreißen zu lassen, und der Wunsch, zu erschaffen. Ich empfand auf jeden Fall, daß dies ein lebenswichtiges, vitales Bedürfnis für mich war. So sehr, daß ich sagte: «Wenn ich kein Kino mache, sterbe ich...» Sicher waren das nur Worte, und zweifellos übertrieb ich mit dieser Formulierung ein wenig. Ich wollte damit nicht unbedingt sagen, daß ich mir eine Kugel in den Kopf jagen würde, aber man kann auf andere Weisen sterben. Man kann (v)erlöschen, man kann das, was man ist, in den Wind schreiben...

Wie erklären Sie sich dieses vitale Bedürfnis?

Durch das Bedürfnis nach dem Blick/der Betrachtung des anderen. Durch und durch. Definitiv, ja.

Haben das Singen und die Live-Konzerte dieses Bedürfnis nicht befriedigt?

Die Konzertauftritte schon. Die Briefe, die ich erhalte, selbstverständlich auch. Ebenso die Tatsache, daß, wenn jemand eine meiner Platten kauft, dies bereits ein gewaltiger Beweis von Liebe ist. Aber sie verhindert nicht...

Bette Davis hat einmal gesagt, daß viele Darsteller deswegen Schauspieler geworden sind, weil sie sich selbst nicht ertragen können...

(bricht in Lachen aus): Diesen Standpunkt kann ich voll und ganz unterschreiben. Sich selbst zu hassen und gleichzeitig die Lust zu haben, im Licht zu stehen... das ist eine paradoxe aber dennoch äußerst zutreffende Dualität...

Da Sie von Dualität sprechen: Es ist etwas Verwirrendes bzw. Aufregendes in dem Bild von Ihnen, daß Sie durch Ihre Clips vermitteln: Je mehr Sie sich zeigen, je mehr Sie sich darstellen, desto weniger faßbar werden Sie...

Zweifelsohne ist dies meine grundsätzliche Natur... Und wenn Sie diesen Eindruck haben, dann einfach deshalb, weil dies etwas ist, das nicht (künstlich) erzeugt wird...

Und es gibt immer diese Doppeldeutigkeit: halb Mädchen – halb Junge; halb Opfer – halb Henker...

Das gehört zu mir. Wenn ich nicht befürchtete, offene Türen einzurennen, würde ich Ihnen sagen, daß man unterschiedliche Facetten und verschiedene/multiple Persönlichkeiten hat. Das grenzt an Schizophrenie – aber in der Stärke, wie die multiplen Persönlichkeiten bei mir ausgeprägt sind, ist es noch lebbar... mehr noch: sogar angenehm...

Kommen wir auf Ihr Verlangen, Schauspielerin zu werden, zurück. Sie haben dann Theaterkurse besucht – was haben Sie dort gelernt?

Ich habe häufig auf der Bank gesessen! Ich habe dort einen Lehrer kennengelernt, den ich sehr geliebt habe, aber das war alles... Was das Spielen und den ganzen Rest anbelangt, habe ich, glaube ich, nicht besonders viel gelernt. Aber weil ich nichts lernen wollte. Ich habe immer gewußt, daß es nötig war, den passenden Moment abzuwarten, um das zu geben, was ich zu geben hatte. Damals war zweifellos nicht dieser Moment. Ich mochte es, die anderen spielen zu sehen, es war eine Welt, die ich sehr liebte, aber ich hatte beispielsweise keine große Lust, auf die Bühne zu steigen. Ich war zu introvertiert und ich hatte zu viel Angst, mich nicht herausziehen zu können. Ich bemerkte erst sehr viel später – als ich bei den Konzerten auf die Bühne ging, um zu singen –, daß dies ein Kampf war, der in größerem Glück enden konnte... Aufzutreten mag natürlich erscheinen, aber für mich ist es extrem gewaltsam/heftig und konfliktreich/zwiespältig. Glücklicherweise existiert dort dieses derartig intensive Glücksgefühl...

Erinnern Sie sich an das erste Mal, als Sie auf der Bühne gesungen haben?

Ja. Es war in Saint-Etienne. Mir erscheint ein Bild (vor dem geistigen Auge), um sehr präzise auszudrücken, was ich an diesem Tag empfunden habe. Ich erzähle (sie sagt «livrer», was man übrigens auch mit «übergeben», im Sinne von «etwas der Öffentlichkeit übergeben = preisgeben» übersetzen kann; Anm. P.M.) es Ihnen, obwohl es nicht sehr hübsch ist: Ich hatte das Gefühl, meine Eingeweide erbrochen zu haben... und mit einer starken Empfindung von Glückseligkeit... Die Bühne ist notwendigerweise etwas, das einen erhebt... Was den Unterschied zum Kino ausmacht, ist, daß ich beim Bühnenauftritt den Eindruck habe, «Ich brauche Euch/Sie» zu sagen, während ich beim Kino erwarte, daß ein Regisseur mir sagt «Ich brauche Sie». Gewiß habe ich dies bei Laurent empfunden, aber das ist etwas anderes, weil man sich kennt und man weiß, daß man miteinander arbeitet. Ich fühle, daß ich diese Erklärung brauche...

Warum haben Sie mit Ihrem Schauspielunterricht aufgehört?

Er war nichts weiter als eine Etappe... Es gibt Dinge, die sich nicht erklären. Man läßt sich durch verrinnende Tage tragen, und eines Morgens sagt man sich: «Stop. Ich habe meine Kurse beendet.» Und genau das ist geschehen. Ich muß so um die 18 oder 19 Jahre alt gewesen sein.

Und was haben Sie dann getan?

Da war das schwarze Loch! Man hat gut reden, sich zu sagen "Ich will Schauspielerin sein, ich will Theater oder Kino machen..." – wenn sich niemand findet, um einem zuzuhören, kommt man kaum voran... Diese ganze Periode damals war natürlich durchsetzt mit diversen Jobs, mit denen ich nebenbei meinen Lebensunterhalt bestritt. Ich habe Schuhe verkauft, ich arbeitete als Mannequin, ich habe sogar einem Gynäkologen assistiert... (lacht) Es ist eine Zeit, die ich verabscheue. Genauso, wie ich die Adoleszenz verabscheue (ich habe trotz allem einige Erinnerungen an die Schule! (Mylène hatte das Gymnasium im letzten Jahrgang, also kurz vor dem Abitur verlassen)). Die meinige auf jeden Fall.

Das ist erstaunlich, denn Ihre Lieder und Ihre Clips legen oftmals eine Art ewige Pubertät frei...

Vielleicht höre ich just deshalb nicht auf, sie zu untersuchen...

Haben Sie während dieses "schwarzen Lochs" an Ihnen und Ihrer künstlerischen Berufung gezweifelt?

Ich zweifele ständig! Aber ich denke, daß ich etwas in mir habe, das dauernd für eine Balance sorgt. Man kann sich verabscheuen, keinerlei Zutrauen in sich selbst haben – und gleichzeitig eine Kraft, eine Entschlossenheit, eine Energie besitzen, die die anderen nicht haben. Ich glaube, daß ich diese beiden Elemente habe... Es ist sogar sicher, ansonsten wäre ich nicht hier (hätte ich nicht das erreicht, was ich erreicht habe)! Selbst wenn ich weiß, daß ich mehr leiden werde, gibt es in mir immer dieses Verlangen, weiterzukommen, höher, stärker oder schneller...

Nach diesem "schwarzen Loch" haben Sie Laurent Boutonnat getroffen und schlagartig Ihr Debut in der Welt der Musik gegeben. Wie haben Sie sich kennnengelernt?

Ein gemeinsamer Freund hat uns miteinander bekannt gemacht. Sie hatten das Lied «Maman a tort» geschrieben, und ich paßte zu der Persönlichkeit/Figur, die Sie suchten.

Und hatten Sie auch das Gefühl, daß Sie zu dem Lied paßten?

Es war die Schauspielerin in mir, die sich damals durchgesetzt hat. Zu wissen, daß es einen Teil in mir gab, der sich in dem Lied wiederfand und einen anderen, der damit spielte, sich dort zu finden. Danach hat alles ineinandergegriffen. Aber ich hatte mir nicht vorgestellt, jemals irgend etwas auf dem Gebiet der Musik zu unternehmen. Dies kam also folglich sehr plötzlich und unerwartet, und die Bekanntschaft mit Laurent war etwas sehr, sehr Wichtiges für mich.

Was beeindruckte Sie am meisten, als Sie Laurent Boutonnat trafen?

Seine Augen, denke ich. (lacht) Augen, die gleichzeitig sehr sanft und die Augen eines Verrückten sind! Außerdem wußte ich sofort, daß ich es mit jemandem sehr, sehr Talentierten, aber sehr Verschwiegenen, zu tun hatte, dem es schwerfiel, sich auszudrücken...

Haben Sie sehr bald Gemeinsamkeiten Ihrer Universen gespürt? Denn in Ihren Clips existiert eine ästhetische Welt, die sehr kohärent (zusammenhängend), einzigartig ist und bei der man als außenstehender Beobachter nicht weiß, welcher Teil von Ihnen und welcher von Laurent Boutonnat kommt...

Unsere Welten vereinigen sich (treffen sich wieder), das ist wahr... wir sind wie Zwillinge. Seine Fähigkeit, dieses Universum aufzudecken, ist zweifellos größer als die meinige. Ich hatte anfänglich kaum etwas anderes getan, als zu schreiben... seit dem ersten Album. Ganz zu Beginn war es Laurent, der schrieb, aber ich habe bald gemerkt, daß ich es brauche. Ich habe dann seinen Platz eingenommen und ich glaube, daß ihn das erleichtert hat. (lacht)

Ist das Kino für Sie eine Quelle der Inspiration?

Ich denke da an Lieder wie «Tristana» und «Greta»... Es wäre übertrieben, zu sagen, daß es eine Quelle der Inspiration ist. Die wirkliche Quelle der Inspiration ist... "mein Bauchnabel" (heißt: "... bin... ich selbst")! Ich kann letztlich über nichts anderes sprechen als über mich selbst. Auf jeden Fall war es zu Beginn so, vielleicht ist das heute anders. Es ist nötig, daß ich versuche, auch über andere zu sprechen...

Gehen Sie oft ins Kino?

Ich gehe immer öfter dahin. Ich muß sagen, daß ich jetzt nicht mehr diese Zurückhaltung habe, die ich noch vor einigen Jahren besaß, auf die Straße, ins Kino zu gehen, angesehen zu werden. Ich fahre fort, mich der Zurückhaltung zu entledigen... seit dem Film.

Sind es die Dreharbeiten zu «Giorgino», die Sie von diesem ängstlichen Gefühl befreit haben?

Ich weiß nicht, ob es die Dreharbeiten als solche waren, auf jeden Fall aber die Begegnungen mit gewissen Personen. Und außerdem, ohne daß ich es konkret ausdrücken oder definieren könnte, ist es so, als ob ich mich während des Films von etwas gelöst, befreit habe, das seit langem in mir vergraben lag.

Welches sind Ihre bevorzugten Filmemacher?

Ich liebe Jane Campion, von der ich alle Filme gesehen habe. Ich mag Bergman sehr... seine Worte. Seine Stille(n) insbesondere... Aber ich mag auch David Lean, Polanski, Annaud, Sergio Leone...

Es ist offensichtlich, daß das Drehen der Clips für Laurent Boutonnat ein alternativer Weg war, um Kino zu machen. Empfanden Sie genauso?

Auf jeden Fall nicht in gleichem Maße. Vor allem existieren in den Clips kaum die Stimmen der Personen, es gibt nur den Gesang. Während der Dreharbeiten zu «Giorgino» hatte ich den seltsamen Eindruck, meine Stimme nicht immer wiederkennen zu können, weil es gleichzeitig die meinige und die der Figur war...

Konnten Sie sich vorstellen, Ihren ersten Film mit jemandem anderen als Laurent Boutonnat zu drehen?

Das wäre nicht mein Wunsch gewesen, aber es dauerte derartig lange, bis «Giorgino» das Licht der Welt erblickte, daß er (der Wunsch, mit jemandem anderen zu drehen) auch aufkommen mußte. Ich hatte einige Angebote, aber man muß sich einreden, daß es nicht die besten waren! (lacht)

Was haben Sie abgelehnt?

Das möchte ich Ihnen nicht sagen. Weniger um mich, sondern um den Film oder den Regisseur zu schützen. Ein einziges Angebot hatte mich wirklich gereizt, aber es überschnitt sich zeitlich mit meiner Tour (Ende 1989/Anfang 1990).

Was waren Ihre Empfindungen, als Sie das Szenario zu «Giorgino» zum ersten Mal lasen?

Ich mochte die Welt sehr. Und diese dunkle und stürmische Geschichte. Der Titel gefiel mir ebenfalls: in diesem Wort existiert etwas Kindliches und Mysteriöses...

Die Dreharbeiten spielten sich in allergrößter Abgeschiedenheit ab. Sie haben bis zum heutigen Tage kein einziges Bild gezeigt. Die einzige Sache, die Boutonnat bislang offenbaren wollte, war, daß es sich um eine Geschichte romantischer Liebe handelt. Wie würden Sie Ihre Rolle definieren?

Es handelt sich um eine junge Frau, die Schwierigkeiten hat, die Kindheit zu verlassen, die einen Gutteil der Zeit quasi das Verhalten eines Autisten zeigt. Sie ist jemand, die ein wenig verloren ist, gleichzeitig jedoch eine große Luzidität (Hellsichtigkeit) besitzt. Sie könnte ein Kind von zehn Jahren sein, aber mit einer erstaunlichen Umsicht. Die Leute verstehen sie nicht besonders, es gibt deswegen in dieser Hinsicht notwendigerweise Gewalt/Heftigkeit...

Wie haben Sie gearbeitet? Haben Sie lange Zeit alleine darüber nachgedacht? Haben Sie viel mit Laurent Boutonnat darüber gesprochen?

Nein, recht wenig. Ich habe ihn gefragt, wie er meine Rolle sieht, ich habe ihm zugehört und dann haben wir nicht mehr allzu oft darüber geredet. Ich habe mir von meiner Seite her gewünscht, Menschen aus Nervenheilanstalten zu treffen. Um zuzuhören, zu sehen... Auf jeden Fall bin ich fasziniert von autistischen Kindern. Von dem Geheimnis, das sie bewahren. Von ihrer Unfähigkeit, mit der Außenwelt zu kommunizieren, ohne daß man weiß, ob es sich nun um eine innere Entscheidung aus eigenem Willen handelt oder es angeboren ist. Ich fühle mich diesen Menschen näher als... den gewöhnlichen Sterblichen, hätte ich fast gesagt... Sie sind derartig ergreifend... Für den Film wollte ich auf jeden Fall weder zu offensichtliche noch zu übertriebene Dinge. Man muß aufpassen: Es ist außerordentlich leicht, sich vom Schauspiel einer Geisteskrankheit, durch die Gebärden der Verrücktheit forttragen zu lassen... Ich habe also beobachtet, um die kleinen Dinge zu entdecken, die dahinter liegen, und die, wie ich mir vorstelle, für andere kaum wahrnehmbar sein werden. Ich glaube, daß ihnen/einem danach die Tatsache, hinter einem gewissen Schutzwall zu leben, mehr hilft als alles andere. Mit einem Schlag schwankt man in einer Welt, die nicht mehr die eigene ist. Das ist nicht mehr alltäglich...

Hatten Sie diesen offensichtlichen Hang zu Kostümen schon immer? Hängt er mit der Neigung zum Schauspielen zusammen? Woher kommt er?

Darauf kann ich Ihnen nicht antworten, ich weiß nicht, woher er stammt! (lacht) Ich habe Kleidungen, Stoffe, das Spiel auch früher schon geliebt... Und ich mag es, mich zu verkleiden, mein Erscheinungsbild zu verändern. Es hängt also mit meinem Verlangen zusammen, jemand anderes zu sein... Ich habe eine Leidenschaft für Kleidung. Und noch mehr für Schuhe! Aber Ihnen zu sagen, woher das kommt...

Als Sie am Drehort von «Giorgino» eintrafen, empfanden Sie da die Bestätigung, daß Sie sich in Ihrem Wunsch, Schauspielerin zu sein, nicht geirrt hatten?

Absolut. Es war sozusagen evident. Achtung, das ist keine Anmaßung von mir, es soll bloß heißen, daß ich das Gefühl hatte, daß das Schauspielen auf natürliche Weise zu mir gehört. Die Bühne des Kinos war offensichtlich das richtige für mich. Die Kamera war eine Offensichtlichkeit. Ich will nicht behaupten, daß ich sie liebe, aber sie ist eine Offensichtlichkeit.

Als was betrachten Sie sie? Als einen Spiegel? Als einen Feind?

Ich kann das nur für die Kamera von Laurent beantworten, da ich bisher noch mit keiner anderen gearbeitet habe. Ich weiß, daß es eine Kamera ist, die mich liebt, die da ist, um mir zu geben und mich dazu zu bringen, das beste von mir selbst zu geben. Sie ist kein Feind.

Der Film wurde in Englisch gedreht – war das eine zusätzliche Herausforderung?

Englisch ist eine Sprache, die ich mag und die ich sehr schön finde, also war es nicht schwierig. Aber es war ein zusätzliches Gefühl von Verschiebung/Entfernung. In einer Sprache zu spielen, die nicht die eigene ist, ist seltsam, und angenehm, da seltsam. Der Film wurde in Englisch gedreht, weil Laurent, da er die passende Besetzung in Frankreich nicht fand, diese im Ausland gesucht hat.

Erinnern Sie sich an Ihren Gemütszustand am Vorabend des ersten Drehtages von «Giorgino»?

Ich hatte Lampenfieber, natürlich! (lacht) Ich fürchtete mich davor, mit dem Spielen zu beginnen... Auf die Bühne zu steigen ist etwas anderes. Man ist allein. Allein gegenüber der Welt. Selbst wenn dort Techniker sind, selbst wenn dort Vorbereitungen stattfanden. Beim Kino ist es plötzlich notwendig, sich mit fünfzig Personen, die sich um einen herum befinden, auseinanderzusetzen, sich an ihnen zu reiben. Es ist sehr schwierig, seine Hemmungen jäh auszuschalten, sich von seinen Ängstlichkeiten, von sich selbst, zu distanzieren. Aber sobald das geschehen ist, man eingeklinkt ist, hat man nicht mehr die Zeit, großartig darüber nachzudenken und man schreitet unverzüglich voran... Darüber hinaus spielten sich diese Dreharbeiten unter sehr schwierigen, anspruchsvollen Bedingungen ab... vor allem körperlichen. Weil Laurent mich viel laufen ließ! (lacht) Manchmal mit einengenden Kleidern, im Schnee, bei minus 20 Grad und bis einem der Atem wegblieb! Die männliche Seite in mir hat mir dabei genutzt... Auf jeden Fall wollte ich jeden Tag dort sein, auch wenn ich drehfrei hatte. Ich habe also fünf Monate damit verbracht, um fünf Uhr morgens aufzustehen. Ich bewunderte es, mit anzusehen, wie sich dieses Puzzlespiel Stück für Stück zusammenfügte. Figuren zu sehen, die lebendig wurden...

Ist es Ihnen passiert, daß Sie mit den Dreharbeiten zusammenhängende Alpträume hatten?

Wissen Sie, Alpträume habe ich praktisch jeden Tag, also... Ich glaube sogar, daß ich sie liebe. (lacht) Ich liebe Träume im allgemeinen, aber Alpträume suggerieren manchmal sehr viel interessantere Dinge. Seltsamerweise waren die Träume während des Films mehr auf die menschlichen Beziehungen als auf das Schauspielmetier selbst bezogen. Und das war etwas recht Heftiges. Fünfzig oder mehr Personen, die während der fünf Monate eng zusammenlebten, das ist sehr enthüllend in bezug auf... auf die menschliche Seele... Es gibt viel Mogelei, viele Lügen. Sicher, diese Sachen gehören zum Leben, aber sagen wir außerdem, daß man auch gut ohne sie auskommen kann. Insbesondere dort, in diesen Momenten...

Haben Sie das niemals vorher empfunden, während Ihrer Tournee beispielsweise?

Ich hatte mich sicherlich ständig geschützt. Ich sehe recht wenig von der Welt. Ich habe mir eine eigene Welt kreiert und ich sehe überwiegend Menschen, die ich liebe. Und mit einem Mal ist man gezwungen, Personen, mit denen man nicht unbedingt viel gemeinsam hat, wenn nicht zu schätzen so doch zumindest Seite an Seite mit ihnen zu sein. Und das ist nicht einfach...

Trotz der engen und vertraulichen Beziehung, die Sie zu Laurent Boutonnat haben?

Vergessen Sie mal für den Moment das enge Verhältnis zu Laurent! (lacht) Weil er während der Dreharbeiten ein anderer Mann war. Er hat sich völlig geändert. Er ist jemand, der für mich vollkommen neu war. Er besaß auf der einen Seite ein absolutes Vertrauen – Laurent weiß derartig genau, was er will und was er tut, er ist derartig bestimmt/klar, er hat ein Auge, das so sehr für die Kamera geschaffen ist... Und auf der anderen Seite war die Abwesenheit von Dialog. Er hatte es sicherlich nötig, sich vor der Welt abzuschirmen, um dieses Unternehmen in seinem Sinne zu leiten. Ich respektiere das. Heute auf jeden Fall. Jetzt, wo es abgeschlossen ist. Und weil es letztlich für ihn selbst konfliktreich und problematisch war.

Haben die Dreharbeiten Ihre Beziehungen zueinander verändert?

Notwendigerweise, da ich einen anderen Mann entdeckt habe. Es stellt sich nicht die Frage, ob das gut oder schlecht ist, sie haben sich einfach geändert. In bezug auf mich war es sicherlich am härtesten, aber das ist ganz normal. Was erstaunlich war, war, ihn in einer Art Wahnsinn schaukeln zu sehen, in seinem eigenen Wahnsinn, einem sehr vernünftigen natürlich, aber trotzdem... Er war eine Kampfmaschine! Und ich hatte manchmal das Gefühl, dort zu sein, ich, als das zerbrechlichste Wesen der Welt, allein gegen eine Kampfmaschine! (lacht) Täuschen Sie sich nicht, es liegt keinerlei Bitterkeit in dem, was ich sage. Es ist nur eine Feststellung. Das konnte ohne Zweifel nicht anders sein...

Was erwarten Sie von einem Regisseur?

Daß er unüberwindliche Dinge von mir fordert. Daß ich das Unüberwindliche spiele...

Simone Signoret sagte einmal, daß es nicht der Schauspieler ist, der in die Haut einer Figur/Rolle schlüpft, sondern vielmehr die Figur in die seinige...

Genau – während des Drehens fragte ich mich, ob es Mylène war, die Catherine nährte, oder ob Catherine Mylène nährte... Ich wußte es nicht... Während der Szenen hatte ich nur das Gefühl, daß die Grenze zwischen dem Normalen und der Verrücktheit sehr schmal ist, sehr schmal...

Haben Sie den Eindruck einen Sprung in die Leere vollführt zu haben, indem Sie vom Singen zum Kino gegangen sind?

Es scheint mir auf jeden Fall, daß ich nicht das Recht habe, mich dabei zu irren, und ich vielleicht weniger als sonst jemand. Es ist da, etwas sehr Heftiges. Und außerdem existiert diese Furcht, nicht an seinem Platz zu sein. Es ist sehr schön, gesagt zu haben «Ich will, ich will...», aber jetzt, wo ich es getan habe...

Warum sagten Sie "ich, weniger als sonst jemand"?

Zunächst, in bezug auf mich, weil ich lange davon geträumt habe, weil ich lange Zeit auf diesen Moment gewartet habe. Desweiteren, in bezug auf die anderen, weil ich diesen Weg hatte, diesen Erfolg, und weil die Leute nicht immer sehr sympathisch waren und weil einige mich daher jetzt am Wendepunkt erwarten...

Haben Sie Angst davor?

Jetzt, wo wir darüber sprechen, ja! Eben darum arbeite ich vermutlich momentan so viel, um nicht daran zu denken.

Man hat gleichzeitig den Eindruck, daß diese Angst einer Ihrer Antriebskräfte ist...

Sie ist ein großer Motor! Sie ist keine destruktive Angst, sondern ganz im Gegenteil eine Furcht, die mich stärker vorantreibt...

Man fühlt bei Ihnen, sehr drängend, die Suche nach einem Absoluten ("absolu")...

Ja. Sich nicht damit zufrieden zu geben, was man macht. Sich selbst überraschen zu wollen. Das Verlangen zu haben, Fortschritte zu machen. Das Bedürfnis zu haben, etwas zu riskieren, die völlige Sicherheit aufzugeben.

In Ihren Clips existiert eine Art von Fasziniation für das Tragische, die wie eine Veranschaulichung von Edgar Poes Aussage «Die Schönheit ist synonym mit Tod» scheint... Sie haben zudem ein Lied geschrieben, das «Allan» heißt, wie der zweite Vorname von Poe...

Ganz sicher ist er ein Schriftsteller, den ich häufig erwähne. Ich mag außerdem Julien Green sehr. Und Henry James... All diese etwas seltsamen, fremdartigen Atmosphären, diese Vermischung der Formen und Gefühle... Ich finde mich in ihnen wieder. In einer ausgezehrten Landschaft kann ich die ganze Schönheit der Welt erblicken. Während jemand anderes sagt, daß er sie in einem blühenden Baum sieht. Ich bevorzuge definitiv den verbrannten Baum. Warum? Ich weiß es nicht. Ohne Zweifel, weil es meine grundlegende Natur ist. Sie (die ausgezehrte Natur etc.) erzählt von Leiden, und das bewegt mich...

In Ihren Texten und Clips gibt es außerdem etwas, das nicht nur Sehnsucht, sondern auch Melancholie hervorhebt. Man merkt Ihren Hauptfiguren an, gleichzeitig mit einer ganzen Vergangenheit ausgestattet...

... und Träger von nichts (??) zu sein?

Ja, so ist es. Stammt dies mehr von Ihnen oder von Laurent Boutonnat?

Das müssen Sie ihn ebenfalls fragen. Ich würde aus freien Stücken sagen, daß es von mir kommt, aber daß er die Mittel hat, um all das visuell auszudrücken... Aber ich weiß es nicht so genau. Obwohl wir eine völlig unterschiedliche Kindheit hatten, sind wir für die gleichen Dinge sensibel. Wir sprechen darüber recht wenig miteinander. Wir sind sogar ein wenig empfindlich dabei... (lacht)

Und teilen Sie auch seine Vorliebe für weite, schneebedeckte Ebenen/Gegenden?

Ja, zumal ich diese Welt innerhalb der schönen Umgebung des Schnees betreten habe (Mylène wurde am 12.9.1961 in Montreal, Kanada, geboren). Und diese Landschaften berühren mich zutiefst. Zweifelsohne wegen der Abwesenheit von Spuren/Prägungen. Und außerdem rufen sie Traurigkeit und Melancholie hervor. Dinge, die köstlich sein können: manchmal mag man es, sich weh zu tun. Es gibt eine Art Lust in diesen Zuständen. Nennen Sie das Sadomasochismus, wenn Sie wollen...

In Ihrem Werk und Ihren Entwicklungsschritten gibt es etwas Berührendes – das ist, wie aus einem gewissen "mal de vivre" (Mühe, zu leben) – wie bei der (französischen Chanson-)Sängerin Barbara – eine bestimmte Lebenswut wird...

Die Schwierigkeit des Seins ("difficulté d’être") ist universell, nicht? Es stimmt, daß ich dabei bin, an dieser "Lebensmühe" zu knabbern (sie abzubauen), aber man soll nicht denken, daß ich mich dieser wie eines Werkzeuges bediene. Es wäre sicher krankhaft, sein "mal de vivre" beispielsweise zu Marketingszwecken zu verwenden...

Befürchten Sie nicht, daß man Ihnen das vorwirft, so kohärent Ihr Universum auch ist?

Man hat es mir schon vorgeworfen. Aber ich habe gelernt, zu kämpfen. Ich habe gelernt, dadurch nicht mehr verletzt zu sein: Es gibt immer Worte, die einem weh tun oder einen in die Knie zwingen sollen. Aber wenn man zu anfällig und empfänglich für das Urteil anderer Leute ist, ist das eine Katastrophe. Man endet damit, sich darin zu verlieren. Ja, man hat es mir vorgeworfen... Außerdem ist es für eine Frau, so scheint es mir, auch heute noch schwieriger, zuzugeben, daß sie ein "être désespéré" (verzweifeltes Sein/Wesen) ist. Ich habe den Eindruck, daß dies etwas ist, das mehr eine männliche "Entität" (Wesenheit) darstellt...

Haben Sie den Eindruck, daß der Erfolg und der Ruhm diese "Lebensmühe" ein wenig geheilt oder dieser im Gegenteil sogar Nahrung gegeben haben?

Mich davon geheilt? Definitiv nicht. Sie ist da, latent, seit immer und für immer. Ich weiß, daß dies bis zum Ende meiner Tage so sein wird. Hat er sie genährt? Ich weiß nicht. Sagen wir vielleicht, daß die Abgründe tiefer und die Gipfel höher geworden sind...

Bewegend im Abenteuer von «Giorgino» ist, daß man wirklich das Gefühl hat, daß der Film aus der Vereinigung zweier sehr starker und alter Verlangen nach Kino geboren wurde, Ihres und dessen von Laurent Boutonnat...

Das ist wahr. Seit wir uns getroffen haben, kreisten unsere Gespräche ums Kino. Auch davor haben wir schon ständig darüber geredet...

... so sehr und so intensiv, daß man nicht weiß, ob dies nun das Endergebnis zweier Wege ist oder der Aufbruch in ein neues Abenteuer...

Ich habe vielmehr den Eindruck, daß es der Beginn eines neuen Abenteuers ist...

Studio Magazine Interview mit Mylène Farmer Datum: Januar 1994
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